Im Schatten der Griechenland-Krise 
Der Leitzinsentscheid vom 16. Juli 2015

EZB - Mario Draghi bei der Pressekonferenz im Juni 2015Auf seiner Sitzung in Frankfurt am Main hat der Rat der Europäischen Zentralbank heute beschlossen, die Leitzinsen unverändert zu lassen. Seit September 2014 verharrt der Referenzzinssatz auf dem Rekordtief und seit Juni 2014 zahlen die Banken nun schon einen Strafzins für Einlagen bei der EZB.


  • Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte: 0,05%
  • Zinssätze für die Spitzenrefinanzierungsfazilität: 0,30%
  • Einlagefazilität:-0,20%

Die Bedeutung der einzelnen Werte erklären wir in der Artikelserie zur Europäischen Zentralbank. Für eine Übersicht der bisherigen Leitzinsentscheide folgen sie dem Verweis!!


Tagegeld und Festgeld bieten beste ZinsenDementsprechend gering ist das Interesse der Banken, Kundengelder einzusammeln und deshalb sind auch die Zinsen niedrig und kaum eine Bank will mit „verlockenden Zinsen“ auffallen. Über die niedrigen Zinsen für Sparer, die das Resultat dieser Geldpolitik sind, ereifert sich allerdings kaum noch jemand. Schließlich bebt gerade ganz Europa und da erscheinen die niedrigen Zinsen ja nur wie kleine Risse in den Wänden und sind kaum der Rede wert.
Europa stolpert von Krise zu Krise. Der Putz bröckelt mehr und mehr und die EZB klebt jeweils ein Pflaster drauf. Für Reparaturen oder neuen Putz hat die EZB eh kein Mandat. Selbst die Pflaster, so finden manche sind schon zu viel des Guten. Staatsfinanzierung ist ja eigentlich nicht die Aufgabe der EZB.
An der Zinsschraube zu drehen, hilft der Euro-Zone schon lange nicht mehr. Darum verwundert es kaum, dass die Zentralbank mit größerem Gerät am Hantieren ist und dass die Leitzinsen an sich eher unbedeutend erscheinen.

Im Januar 2015 hat die Zentralbank das QE-Programm angekündigt. Seitdem läuft das größte Anleihe-Kaufprogramm der EZB. Ein wenig überschattet zwar, von der Griechenland-Krise, aber natürlich läuft das Programm und die EZB kauft nach wie vor Anleihen im Wert von rund 60 Milliarden Euro im Monat. Und zwar solange bis es wirkt! In der Pressekonferenz sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank, die Wertpapierkäufe liefen gut und würden fortgesetzt, bis eine nachhaltige Korrektur erreicht sei. Immerhin wurde vermeldet, dass die Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte wieder leicht gestiegen ist.

Die Inflation muss abgerechnet werdenEin weiterer Marker, für die Wirksamkeit der sehr lockeren Geldpolitik ist die Inflation. Die soll sich im Idealfall nahe bei 2,00% bewegen. Mittlerweile sind die Meldungen über eine drohende Deflation abgeebbt, aber in Deutschland sind die Preise im Juni wieder weniger stark gestiegen, als gewünscht. Und auch auf europäischer Ebene hat sich der Preisanstieg nicht wie gewünscht fortgesetzt. Trotzdem wird keiner der Beobachter aus diesen Daten herauslesen, dass die Geldpolitik der EZB nicht in die richtige Richtung läuft. So ein Programm entfaltet seine Wirkung eben erst langfristig und darauf verweist Mario Draghi dann auch gerne und betont, seinen „Kurs der ruhigen Hand“ fortzusetzen.

Inflation

  • Deutschland: 0,30% (vorher:0,70%)
  • Euro-Zone: 020% (vorher: 0,30%)

Alle hoffen auf eine Verbesserung der Wirtschaftskraft in der Euro-Zone. In den Monaten zuvor hatte die Zentralbank gemahnt, dass das nur mit Strukturreformen auf politischer Ebene zu erreichen sei. Die Politik ist aber gerade mit der Rettung Griechenlands beschäftigt. Wie es um die Risiken für die konjunkturelle Erholung in der Euro-Zone bestellt ist, bleibt deshalb eine spannende Frage. Wer dazu einen Blick in die „Working Paper Series“ der EZB wirft, wird keine Antwort erhalten, die von Optimismus strotzt. Das Arbeitspapier 1832, von Juan F. Jimeno, mit dem Titel: „Long-lasting consequences of the European crisis“ liest sich ernüchternd, denn der Autor zeichnet eher ein düsteres Bild für die Zukunft.

The combination of the legacy and future demographic and economic prospects suggest that it is very plausible that the natural interest rate has fallen significantly, perhaps to a level that monetary policy is unable to accommodate, and may remain at that level for a long period. In this constrained regime, there is a permanent shortfall of demand that pushes the economy into a high-unemployment trap.

Das eigene Geld vor der Inflation schützenAuch der Autor mahnt letztendlich an, Strukturreformen anzupacken, weil zu bezweifeln ist, dass die Krise mit Geldpolitik allein zu lösen sei. So ein Arbeitspapier stellt natürlich nicht die Meinung der EZB zu diesem Thema dar, sondern die Meinung des Autors. Herauslesen lässt sich aber, dass die Probleme groß sind, sich auf kurze Sicht nicht lösen lassen und dass die lockere Geldpolitik uns noch lange begleiten wird. Leider ist da noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

Auswirkungen auf die Zinsen von Sparprodukten wie Tagesgeld oder Festgeld

Wer sich von der aktuellen Kalenderwoche (KW29) durch unser Zinsbild der vergangenen Wochen klickt, wird feststellen, dass sich die Spitzensinssätze für Tagesgeld und Festgeld wenig geändert haben. Das Zinsniveau stagniert derzeit auf niedrigem Niveau. Auch die Preise steigen nicht und der Sparer hat, was den Kaufkraftverlust der Spareinlagen angeht, noch eine „Schonzeit“. Die niedrigen Zinsen werden den Sparer noch eine Weile begleiten, und wenn die Inflation sich im Sinne der EZB entwickelt und ansteigt, wird der Kaufkraftverlust noch einmal höher ausfallen. In der Pressekonferenz sagte Mario Draghi, er erwarte, dass die Inflation am Ende des Jahres niedrig bleibe und erst dann wieder anziehen würde. Wer weiterhin auf die Spitzenreiter setzt, wird die Niedrigzinsphase mit den geringsten Verlusten überstehen. Wer den Kopf in den Sand steckt und sein Geld unverzinst auf dem Girokonto belässt, kommt am Schlechtesten weg. Auch bei den Krediten bleiben die Zinsen niedrig und es sind noch immer Zinssenkungen zu vermelden. Kurz und mittelfristig wird das Zinsniveau stabil, aber auf einem niedrigen Niveau verharren.



Bildquelle:

© EZB; © ag visuell – Fotolia.com; © alexandro900 – Fotolia.com; © Africa Studio – Fotolia.com

Hier schreibt Thomas Gödert

Online-Redakteur Finanzen. Arbeitet seit 2012 bei BergMedia.net. Thomas Gödert ist auch auf Google+ und Twitter aktiv.
Kategorie: Depot, Festgeld, Kredit, Tagesgeld

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