Pressekonferenz in Malta 
Der Leitzinsentscheid vom 22. Oktober 2015

Mario Draghi - Präsident der EZBHeute tagt der Rat der Europäischen Zentralbank in Malta. Wie immer warten alle gespannt darauf, ob die bisherigen Maßnahmen der EZB allmählich Wirkung zeigen. Bisher konnte die Zentralbank noch keine wirklichen Erfolge verkünden, und das trotz der sehr expansiven Geldpolitik der vergangenen Monate. 


  • Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte: 0,05%
  • Zinssätze für die Spitzenrefinanzierungsfazilität: 0,30%
  • Einlagefazilität:-0,20%

Die Bedeutung der einzelnen Werte erklären wir in der Artikelserie zur Europäischen Zentralbank. Für eine Übersicht der bisherigen Leitzinsentscheide folgen sie dem Verweis!!


Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, und früher vor allem die Leitzinsen, gelten als Referenzzinssätze für Tagesgeld, Festgeld, aber auch Kredite. Für unseren Bankenvergleich ist die Geldpolitik deshalb von großer Bedeutung, denn die Entwicklung der Zinsen ist für Kreditnehmer und Sparer natürlich von Interesse. Das lässt sich mit einigen einfachen Beispielen erklären.

Das Gebäude der EZB in Frankfurt am MainBevor sich ein Anleger mit Festgeld für mehrere Jahre an einen Zinssatz bindet, möchte dieser natürlich auch wissen, wie sich die Zinsen wahrscheinlich entwickeln werden. Niemand möchte sich über zehn Jahre die aktuellen Minizinsen festschreiben. Deshalb sind gerade eher die kurzen Laufzeiten beliebt.

Auch der Kreditnehmer geht in der Regel eine langfristige Bindung ein. Sind die Zinsen gerade sehr hoch, macht es wenig Sinn einen Kredit für das neue Dach der eigenen Immobilie aufzunehmen. Eine Reparatur der undichten Stellen reicht aus, und wenn die Zinsen besser stehen, wird die Investition getätigt und der Dachstuhl erneuert.

Aktuell betreibt die Zentralbank eine sehr lockere Geldpolitik. Ein Blick auf die Referenzzinssätze zeigt, dass die Banken sich sehr günstig Geld bei der Zentralbank beschaffen können und das sie für Einlagen bei der EZB keine Zinsen erhalten, sondern dass die Kreditinstitute dafür sogar einen Strafzins (negative Einlagenfazilität) zahlen müssen. Den „Strafzins“ gibt es seit Juni 2014, der „Leitzins“ (Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte) liegt seit September 2014 auf dem aktuellen Wert. Seit langem glaubt niemand daran, dass mit den Leitzinsen noch eine wirkungsvolle Geldpolitik angeschoben werden kann.

Seit Januar 2015 verfolgt die EZB deshalb den Versuch der quantitativen Lockerung und kauft seit März 2015 monatlich für 60 Mrd. Euro Staatsanleihen auf. Seither heißt es warten! Wann wird das Anleihenkaufprogramm Wirkung zeigen? Die erwünschte Wirkung wäre, dass die Eurozone die Finanz- und Staatsschuldenkrise hinter sich lässt und der Wirtschaftsmotor anspringt. Die niedrigen Zinsen und die Tatsache, dass die EZB die Märkte mithilfe des Anleihenkaufprogramms mit billigem Notenbankgeld flutet, sollte den Kreditinstituten Luft machen, um selbst neue Kredite zu vergeben. Ein weiteres Zeichen dafür wäre eine höhere Inflation. Eine gesunde Inflationsrate liegt –  im Sinne der EZB  – bei ca. 2,00 %. Der Blick auf die aktuellen Inflationsraten für Europa und Deutschland macht diesbezüglich wenig Hoffnung.
Inflation DE/EU Oktober 2015

Inflation

  • Deutschland: 0,00% (vorher:0,20% August)
  • Euro-Zone: -010% (vorher: 0,10% August)

Immerhin gibt es zu dieser Sitzung positive Daten im Kreditbericht der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Zentralbank befragt dazu vierteljährlich zahlreiche Kreditinstitute und diesmal zeigt sich ein positiver Trend bei der Kreditvergabe an Unternehmen. Außerdem rechnen die Kreditinstitute mit einer höheren Nachfrage. Unterm Strich, und nicht zuletzt durch die sehr niedrige Inflation, bleibt die Wirkung des Programms aber bescheiden, wenn man bedenkt, dass die Zentralbank monatlich Staatsanleihen im Wert von 60. Mrd. Euro kauft. Der Ankauf soll mindestens bis September 2016 so weitergehen. Aber schon jetzt hoffen (und fordern) vor allem die bisherigen Profiteure dieser sehr lockeren Geldpolitik auf eine Ausweitung der Anleihekäufe. Das billige Zentralbankgeld befeuert die Börsen und deshalb ist die Information, wie die EZB die Situation beurteilt und ob das Programm ausgeweitet wird, die zentrale Information für die Finanzmärkte in dieser Pressekonferenz.

Pressekonferenz der EZB in Malta - Oktober 2015Ohne konkrete Maßnahmen zu nennen, hat der Präsident die Bereitschaft der Zentralbank bekräftigt, die Konjunktur weiter zu stimulieren. Eine Ausweitung der Käufe ist also nicht ausgeschlossen. Selbst ein weiterer Zinsschritt für die Einlagenfazilität sei diskutiert worden. Nach Einschätzung der EZB setzt sich die wirtschaftliche Erholung im Eurogebiet fort. Die Inflation werde auf kurze Sicht niedrig bleiben und soll sich im Verlauf der kommenden zwei Jahre aber erhöhen.

Kritiker werfen der EZB vor, das Geld komme nicht da an, wo es solle und zum Teil genau da, wo es eigentlich überhaupt nicht hin soll. Schon in den vergangenen Pressekonferenzen hatte Mario Draghi darauf hingewiesen, dass es ohne Strukturreformen und nur mithilfe von Geldpolitik auch nicht zu bewerkstelligen sei, die Eurozone wirtschaftlich auf Kurs zu bringen. Die einzelnen Staaten hätten zwar schon einiges unternommen, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und die Produktivität ihrer Länder zu steigern, aber der Appell des Präsidenten an die Politik ist auch in dieser Sitzung wiederholt worden.

Auswirkungen auf die Zinsen von Sparprodukten wie Tagesgeld oder Festgeld

Sparschwein mit Logo der EurozoneDer Sparer muss angesichts dieser Fakten realisieren, dass die Niedrigzinsphase noch lange ein Begleiter sein wird und das an eine Trendwende jetzt überhaupt nicht zu denken ist. Trotz des sehr billigen Zentralbankgeldes sammeln noch immer einige Banken Kundengelder ein und ein Blick auf das Zinsbild der vergangenen Kalenderwochen (dieser Artikel wurde in der KW 43/2015 verfasst) zeigt, dass die Zinsen relativ stabil auf diesem niedrigen Niveau verharren. Das gilt zumindest für Sparer, die nach Neukundenangeboten ausschau halten.

Erst gestern hat die Crédit Agricole Consumer Finance S.A. die Festgeldzinsen erhöht und zuvor startete die LeasePlan Bank mit Festgeld auf dem deutschen Markt und positionierte sich an der Spitze der Vergleichslisten. Auch bei den Tagesgeldern können Sparer dank der sehr niedrigen Inflation immer noch eine gute Rendite erzielen und trotz aller Beteuerungen, dass der deutsche Sparer sich mit den Minizinsen nicht abfinden solle, macht es immer noch Sinn den Notgroschen auf ein Tagesgeldkonto zu packen, statt es auf dem Girokonto zu belassen. Bei Festgeld sollte der Sparer die langen Laufzeiten meiden. Die Laufzeiten von 12 bis 36 Monate bieten aber zum Teil deutlich höhere Zinsen als das Tagesgeld.

Bei den Krediten werden die Meldungen über noch niedrigere Zinsen seltener. Deutliche Zinsschritte nach unten sind aber nicht zu erwarten. Wer einen Autokredit oder einen Wohnkredit abschließen möchte, kann mit diesen Spezialkrediten die Kreditkosten spürbar senken.

Interessante Artikel zum aktuellen Leitzinsentscheid der EZB

wiwo.de: Kreditvergabe im Euro-Raum zieht weiter an

sueddeutsche.de: Schluss mit dem Schutzwall aus Geld

handelsblatt.com: Tempo der EZB-Anleihenkäufe konstant

wallstreet-online.de: Einmal der geldpolitischen Versuchung widerstehen

welt.de: Zusätzliche Lockerung durch EZB ist Frage der Zeit – Umfrage

Bildquelle:

© ullrich – Fotolia.com; © EZB;

Hier schreibt Thomas Gödert

Online-Redakteur Finanzen. Arbeitet seit 2012 bei BergMedia.net. Thomas Gödert ist auch auf Google+ und Twitter aktiv.
Kategorie: Festgeld, Kredit, Tagesgeld

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