Der Leitzinsentscheid vom 5. Juni 2014

Leitzinsentscheid - Europäische ZentralbankHeute hat der Rat der Europäischen Zentralbank auf seiner Sitzung beschlossen, den Leitzins (Zinssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte) auf das neue Rekordtief von 0,15% zu senken. Auch ein "Strafzins" für Geld, dass bei der EZB geparkt wird, wurde beschlossen.


  • Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte: 0,15%
  • Zinssätze für die Spitzenrefinanzierungsfazilität: 0,40%
  • Einlagefazilität:-0,10%

Die Unterschiede und die Bedeutung der einzelnen Werte erklären wir in der Artikelserie zur Europäischen Zentralbank


Allgemein sahen viele Beobachter und Akteure die Zentralbank in der Pflicht, erneut an der Zinsschraube zu drehen. Die Inflation ist in diesem Monat in Europa und in Deutschland nochmals zurückgegangen (laut einer ersten Schätzung des EU-Statistikamtes Eurostat vom Dienstag) und die Sorge um eine Phase der Deflation, die die wirtschaftliche Entwicklung in der Eurozone abschwächen würde, ist das Argument für eine erneute Lockerung der Geldpolitik. Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank liegt bei rund 2,00%. Die Tatsache, dass sich der Wert immer mehr von der Zielmarke entfernt, ließ das Handelsblatt in seiner Netzausgabe titeln:

Niedrige Inflation setzt Draghi unter Zugzwanghandelsblatt.com

Mario Draghi - Präsident der EZBDie heute beschlossenen Maßnahmen kommen also nicht überraschend! Ein weiteres Problem, warum viele die Zentralbank zum Handeln verpflichtet sehen, ist die schleppende Kreditvergabe. Ohne Kredite und Investitionen wird es kein Wachstum geben und ein negativer Einlagenzinssatz soll die Banken dazu bewegen, mehr Kredite zu vergeben. Gerade in den „Krisenländern“ Südeuropas stockt der Kreditfluss. Klein- und mittelständische Firmen haben damit die größten Probleme. An der Wirksamkeit dieses Instruments werden allerdings auch Zweifel laut. Schließlich müssen hinter dem Kredit auch Investitionen stehen, die Aussicht auf Erfolg haben. Die Vergabe von Krediten in riskante Geschäfte, mit einem hohen Ausfallrisiko wünscht sich natürlich niemand und da es keine Erfahrungen mit dem „Strafzins“ gibt, ist dieser Vorstoß auch ein Experiment mit einem langen Beipackzettel an möglichen Nebenwirkungen. Die dänische Zentralbank hat diesen Weg schon beschritten und die Ergebnisse waren eher ernüchternd, wie auf Zeit Online nachzulesen ist.
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Mehr Statistiken finden Sie bei Statista


Doch auch Kritik an der lockeren Geldpolitik der EZB wird wieder laut und dabei wird bezweifelt, dass eine weitere Lockerung überhaupt noch einen positiven Effekt auf die wirtschaftliche Entwicklung haben wird. Der Sparkassen-Präsident, Georg Fahrenschon, äußerte sich dazu gleich bei mehreren Zeitschriften und Radiosendern.

Dauerhaft immer niedrigere Zinsen – das beschädigt die Sparkultur und vernichtet Vermögenswerte Georg Fahrenschon laut spiegel.de

Auch von einer schrittweisen Enteignung der Sparer war wieder die Rede und dass dem Sparer pro Kopf ca. 200,- Euro pro Jahr verloren gingen. Ob der Sparkassenpräsident sich dabei auf den durchschnittlichen Zinssatz der Sparkassen bezog, der derzeit nahe beim Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte liegt, oder ob in der Rechnung auch die Angebote der Mitbewerber, mit zum Teil deutlich höheren Zinsen, zugrunde gelegt wurden, ist für uns an dieser Stelle nicht ersichtlich.
Es gibt jetzt eine geringere RenditeÜber Fürsprecher darf sich der Sparer in dieser anhaltenden Niedrigzinsphase natürlich nicht beschweren. Die Entscheidung der Notenbank wird die Zinsen mit Sicherheit noch mal drücken. Für die Liquiditätsreserve ist Tagesgeld aber dennoch ein geeignetes Mittel um wenigstens den Kaufkraftverlust so weit wie möglich zu reduzieren und mit einer Geldanlage in Festgelder, die auf mehrere Laufzeiten aufgeteilt sind, erreicht der Sparer einen Kompromiss zwischen Flexibilität und Rendite. Sehr lange Laufzeiten sind in Zeiten historisch niedriger Zinsen natürlich keine gute Wahl. Sich in Bezug auf die Rendite auch mit renditestärkeren, aber risikoreicheren Anlageformen auseinanderzusetzen, ist generell sinnvoll und nicht erst jetzt!

Entwicklungen bei Tagesgeld und Festgeld

Die Zinsen fallen!Für Tagesgeld erhält der Sparer aktuell einen Zinssatz von 1,40% per annum. Das Angebot können Neukunden der Volkswagenbank wahrnehmen und erhalten dabei einen garantierten Zinssatz von vier Monaten. Neu- und Bestandskunden erhalten aktuell, bei der Renault Bank direkt, einen Zinssatz von 1,30% Zinsen gerechnet auf das Jahr. Im Spitzenbereich zeigte sich das Tagesgeld im vergangenen Monat stabil und Zinssenkungen waren lediglich im Mittelfeld der Angebote zu verzeichnen.

Heute endete das Jubiläums-Angebot der VTB Direktbank, das bei einigen Laufzeiten den besten Zins vorzuweisen hatte. Auch bei den Festgeldern gab es einige leichte Zinssenkungen, doch auch hier weitestgehend im Mittelfeld der Angebote. Der höchste Zinssatz für die Laufzeit von 12 Monaten liegt jetzt bei 1,65% p.a. und kommt von der Credit Agricole Bank. Für die Laufzeit von 24 Monaten liegt der Spitzenzinssatz bei 1,90% p.a. und den bekommt der Sparer bei Klarna und der Denizbank AG. Die weiteren Werte können sie bequem im Festgeld-Vergleichsrechner einsehen. Ob die Leitzinssenkung und die weiteren geldpolitischen Beschlüsse der EZB zu einem allgemeinen Zinsrutsch führen werden, kann nicht mit Bestimmtheit vorhergesagt werden. Andere Faktoren, wie der Bedarf an Einlagen, die Kundenbindung und weitere Gesichtspunkte spielen dabei eine Rolle. Die Aussichten auf stabile oder gar bessere Sparzinsen sind durch die heutige Entscheidung aber deutlich eingetrübt!

Bildquelle:

© VRD – Fotolia.com; © EZB; © Rob hyrons – Fotolia.com; © VERSUSstudio – Fotolia.com

Hier schreibt Thomas Gödert

Online-Redakteur Finanzen. Arbeitet seit 2012 bei BergMedia.net. Thomas Gödert ist auch auf Google+ und Twitter aktiv.
Kategorie: Festgeld, Kredit, Tagesgeld

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