Nachlese zum größten Anleihe-Kaufprogramm der EZB, das es jemals gegeben hat

Sparschwein mit Logo der EurozoneAm 22.01.2015 hat Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, das größte Anleihe-Kaufprogramm in der Geschichte der EZB angekündigt. Die Entscheidung polarisiert! In Deutschland sind Politiker und Vertreter der Wirtschaft verärgert und sehen die Entscheidung mit Sorge. Andernorts wird das Kaufprogramm gefeiert und begrüßt.

Weil das Thema so kontrovers diskutiert wird und die Meinungsbildung dementsprechend schwerfällt – auch uns – bieten wir hier einen Überblick über die unterschiedlichen Perspektiven.

Was ist eigentlich passiert?

Sie nennen es Draghis Bazooka oder Dicke Berta. Die Bezeichnung deutet auf große Geschütze hin. Gemeint ist die Ankündigung, dass ab sofort jeden Monat für rund 60 Milliarden Euro Staatsanleihen (QE) durch die EZB gekauft werden sollen. Die EZB schmeißt die Druckerpressen an und druckt somit mehr als eine Billion Euro! Das ist das größte Anleihe-Kaufprogramm der EZB, das es jemals gegeben hat.

Wer entscheidet das?

Mario Draghi - Präsident der EZBDie Europäische Zentralbank (» zur Artikelserie) ist eines der sechs Organe der Europäischen Union und ist in ihrem Handeln unabhängig. Aufgabe der Zentralbank ist es, für die Stabilität der Währung und der Preise in Europa zu sorgen. Präsident der Europäischen Zentralbank ist Mario Draghi. Entscheidungen zur Geldpolitik trifft er allerdings nicht alleine. Das macht der Rat der EZB. Jedes Land, das den Euro als Währung eingeführt hat, ist in diesem Rat vertreten. Für Deutschland ist das Jens Weidmann, der Präsident der Deutschen Bundesbank. Das ist die Zentralbank der Bundesrepublik Deutschland. Auch die anderen Zentralbanken sind durch ihren Präsidenten im EZB-Rat vertreten.

Governing Council of the ECBDer EZB-Rat trifft sich regelmäßig und entscheidet über die Geldpolitik des Euro-Raumes. Wie schon gesagt, ist der Rat in seiner Entscheidung unabhängig. Natürlich gibt es die unterschiedlichsten Interessen. Einzelne Länder sind wirtschaftlich schwächer oder stärker und wünschen sich deshalb natürlich eine Geldpolitik, die ihrer Situation entspricht. Kurz gesagt ist es für die EZB nicht immer einfach, die Interessen aller Mitglieder unter einen Hut zu bringen. Das brachte der Zentralbank schon oft Kritik ein und auch Vertreter der Wirtschaft, Aktionäre und zuletzt auch der einfache Sparer sind von den Folgen der Geldpolitik betroffen. Der Sparer in Deutschland ärgert sich momentan über niedrige Zinsen, die auch eine Folge der lockeren Geldpolitik der Zentralbank sind.

Bei so vielen Interessengruppen ist es natürlich nicht verwunderlich, dass es auch mal Kritik an der Geldpolitik gibt. Die Schlagzeile: „EZB unter Druck“ oder „Jetzt muss Draghi liefern“ passt universal zu jedem anstehenden Leitzinsentscheid seit der Finanzkrise.

Kritik an der Geldpolitik und an Draghi ist demnach nicht Neues. Allerdings hat die Ankündigung von massiven Staatsanleihenkäufen durch die EZB gerade in der Wahrnehmung der Deutschen eine neue Qualität. In Bezug auf diese Maßnahme scheiden sich die Geister.

Die Einen sehen es als richtiges Mittel, um die Deflation zu bekämpfen und die Wirtschaft anzukurbeln. Die Anderen sehen nur Gefahren, bezweifeln das die Maßnahme Wirkung zeigen wird und fürchten, dass die nötigen Reformen jetzt nicht mehr angegangen werden.

Wir haben hier einige Artikel zu den unterschiedlichen Positionen zusammengetragen.

Contra

Aufkaufprogramm kein Allheilmittel – nur Strukturreformen helfenbankenverband.de

Auf keinen Fall dürfen die Euro-Staaten jetzt der Illusion erliegen, die mit dem Aufkaufprogramm verbundenen Zinserleichterungen reichten aus, nun könne man bei den wirtschaftlichen Reformen die Hände in den Schoß legenMichael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes

Deutsche Kreditwirtschaft: EZB-Anleihekäufe: uneffektiv und schädlichbankenverband.de

Die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) lehnt den Kauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) zum aktuellen Zeitpunkt ab. Die EZB verschießt voreilig ihre letzten Patronen. Das Instrument der Staatsanleihekäufe sollte wirtschaftlichen Notlagen vorbehalten sein – insbesondere in einer Währungsunion ohne eine gemeinsame Finanzpolitik.

Europa ist zu wichtig, um es der EZB zu überlassencicero.de

Dass Draghi den Euro bewahrt, ist in Ordnung – das ist ja auch seine Aufgabe. Aber die EZB rettet zurzeit nicht nur den Euro, sondern Europa gleich mit, sie kümmert sich um die Schulden der Eurostaaten und sie will für Ausgleich zwischen Süd- und Nordländern sorgen

Notenbank als Geisterfahrersueddeutsche.de

Die Europäische Zentralbank setzt sich über alle Bedenken hinweg und pumpt Hunderte Milliarden Euro in die Finanzmärkte

CSU fordert Bundesbank-Boykott gegen die EZBhandelsblatt.com

Draghi bedient seine alten Zockerfreunde an den Börsen

Pro

EU-Währungskommissar begrüßt Anleihenkäufezeit.de

Der Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB sei im Interesse der gesamten Eurozone<citeEU-Währungskommissar Pierre Moscovici

Soros lobt Draghis Bazooka über die Maßenwelt.de

Das Anleihekaufprogramm hat die hohen Markterwartungen sogar noch übertroffenGeorge Soros

IWF-Chefin Lagarde lobt EZB-Chef Draghi – Anleihekäufe helfen – faz.net – Quelle ist offline

Das Programm werde helfen, die Kreditkosten in der Eurozone zu senken, die Inflationserwartung zu erhöhen und das Risiko einer in die Länge gezogenen Phase niedriger Inflation zu reduzieren.

Liebe Deutsche, in der EZB sitzen keine Idioten!welt.de

Nahezu einhellig schimpfen Deutschlands Ökonomen auf die EZB. Doch die Kritiker des Anleihenkaufs stützen sich vor allem auf eines: ihren Glauben. Wissenschaftlich bewegen sie sich auf dünnem Eis.

Bildquelle:

© ullrich – Fotolia.com; © European Central Bank

Hier schreibt Thomas Gödert

Online-Redakteur Finanzen. Arbeitet seit 2012 bei BergMedia.net. Thomas Gödert ist auch auf Google+ und Twitter aktiv.
Kategorie: Festgeld, Tagesgeld

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