Ratingagenturen – die Macht der drei Buchstaben

Ratingagenturen bewerten Banken und StaatenEs gibt sie schon lange, doch erst seit der Finanzkrise sind Ratingagenturen der breiten Öffentlichkeit ein Begriff. Aber was genau ist eine Ratingagentur eigentlich? Welche Rolle spielen diese mächtigen (und häufig in der Kritik stehenden) Institutionen genau und welche Auswirkungen haben sie auf normale Anleger?

Schufa für Staaten

Jeder Privatmensch, der einen Kredit aufnehmen möchte, kennt die Prozedur der Bonitätsprüfung. Damit soll der Kreditgeber die Möglichkeit haben, das Ausfallrisiko zu beurteilen, also die Wahrscheinlichkeit, ob ein Kredit pünktlich zurückgezahlt wird oder gegebenenfalls ganz abgeschrieben werden muss. Je nachdem, wie die Bonität ausfällt, wird ein Kredit bewilligt, verweigert oder nur zu schlechteren Konditionen gewährt. Aber auch große Unternehmen, Banken und Staaten müssen sich solchen Bonitätsprüfungen unterziehen, um auf den Weltmärkten ihre Kreditwürdigkeit nachzuweisen. Für diese Klientel ist aber nicht etwa die Schufa zuständig, sondern die großen internationalen Ratingagenturen. Hier sind vor allem drei amerikanische Institute maßgeblich, die auch als „the big three“ bezeichnet werden. Es handelt sich dabei um die Agenturen Moody’s, Standard & Poor’s (S&P) sowie Fitch. Sie haben einen weltweiten Marktanteil von bis zu 90 Prozent. Ihr Urteil über die Finanzkraft von Staaten und Großbanken hat daher ein entsprechend großes Gewicht.

Politische Bedeutung von Ratingagenturen

Reichstagsgebäude - der deutsche BundestagDa die Ratingagenturen auch Staaten bewerten, kommt ihnen nicht nur eine rein finanzielle Bedeutung zu, sondern durchaus auch eine politische. So kann eine Abwertung durch die großen Agenturen einen Staat in große Schwierigkeiten bringen oder die vorhandenen Schwierigkeiten noch vergrößern. Beispielsweise haben Staaten, die sich in einer akuten Finanzkrise befinden (wie etwa Griechenland) nach einer Abwertung in die Nähe eines sicheren Ausfallrisikos große Probleme, sich überhaupt noch Geld an den Finanzmärkten zu beschaffen. Damit kann die Zahlungsfähigkeit eines Staates zusätzlich gemindert werden. Aber auch weniger kritische Fälle haben bisweilen große Auswirkungen. So verloren im Zuge der Krise auch eigentlich als Spitzenländer geltende Staaten wie Frankreich oder Österreich zum Teil ihre sogenannten „AAA“-Einstufungen. Obwohl das bei der höchsten Einstufung noch nicht unbedingt zu einer Krise führt, machen sich diese Abwertungen aber dennoch negativ bemerkbar. So hatten sie in diesen speziellen Fällen direkte Auswirkungen auf den Euro-Rettungsschirm, weil damit die durchschnittliche Bewertung der Euroländer beeinträchtigt wurde und somit die Refinanzierungskosten an den Kapitalmärkten stiegen. Die Ratingagenturen, die als private Unternehmen natürlich gewinnorientiert arbeiten müssen, haben also eine große Macht und Verantwortung. Daher gibt es relativ strenge Anforderungen an die Tätigkeit dieser Agenturen. So müssen die Methoden für die Bonitätsprüfung und die Ratings sowohl unabhängig als auch objektiv und transparent sein. Zudem sollen sie intern überprüft werden, um Fehler zu vermeiden. Zusätzlich stehen Ratingagenturen meist unter staatlicher Aufsicht. So kann beispielsweise in Europa keine Ratingagentur gegründet werden, die nicht über die Genehmigung der EU verfügt. Hier überwacht die europäische Wertpapieraufsicht ESMA gemeinsam mit den Behörden der Mitgliedsländer die Agenturen.

Bewertung von Ausfallrisiken

DrahtseilaktDie Bonität eines Schuldners wird durch die Ratingagenturen in der Regel im Auftrag bestimmter Stellen ermittelt, zum Beispiel durch Investoren, Emittenten, Kreditnehmer oder Kreditgeber. In die Beurteilung fließen dabei nicht nur öffentliche Informationen ein, sondern auch solche, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, wie etwa interne Vorgänge und Berichte. Aufgrund der gesammelten Informationen erstellt die Ratingagentur dann über ihre Analysten eine Empfehlung, die anschließend von einem Komitee abgesegnet werden muss. Ist dies der Fall, kann das Rating nach Freigabe des Auftraggebers veröffentlicht werden. Welche Informationen und Berechnungsgrundlagen im Einzelnen in die Bewertung einfließen, unterliegt allerdings der Geheimhaltung der jeweiligen Ratingagentur. Hier unterscheiden sich die großen Agenturen nicht sonderlich von den kleinen, die über die Kreditwürdigkeit von Normalverbrauchern urteilen.

Interessenkonflikte sorgen für Kritik an Ratingagenturen

Da sich in der Vergangenheit gezeigt hat, dass die politischen Auswirkungen der Rating-Entscheidungen vor allem für nichtamerikanische Unternehmen und Finanzmärkte nachteilig waren, wird in Europa immer wieder der Ruf nach einer eignen Ratingagentur laut. Damit soll ein Gegengewicht geschaffen werden zu den drei großen Agenturen, die nach Meinung einiger Finanzexperten nicht immer ganz objektive Urteile abgegeben haben. Zudem lagen die Einstufungen auch schon öfter komplett daneben. So erhielt beispielsweise die berüchtigte Investmentbank Lehman Brothers noch kurz vor ihrem Zusammenbruch im Jahr 2008 durchweg ausgezeichnete Bewertungen. Die Aussagekraft der Rating-Einstufungen wird daher von einigen Fachleuten immer wieder infrage gestellt oder zumindest relativiert. Hinzu kommt, dass oft auch ein Interessenkonflikt in den Fällen besteht, in denen der Auftraggeber (der die Rechnung zahlt) bewertet werden soll. Kritiker werfen den Agenturen vor, aufgrund dieser Geschäftsbeziehungen nicht mehr völlig neutral zu agieren.

Relevanz für private Anleger

Finger weg von dieser Geldanlage?Für private Anleger sind die Einstufungen der großen Ratingagenturen also nur bedingt aussagekräftig. Für relativ sichere Anlagen wie Tagesgeld spielen sie sogar fast keine Rolle. Beim Festgeld kann dies etwas anders aussehen, wenn es sich etwa um staatliche Anleihen eines Krisenstaates handelt. Dennoch empfehlen Fachleute immer wieder, die Ergebnisse der Ratingagenturen nicht isoliert zu betrachten. Vielmehr müssen sie im Zusammenhang mit den sogenannten Credit Spreads gesehen werden. Darunter versteht man einen Renditezuschlag, der den Investoren beim Kauf einer risikobehafteten Anleihe gewährt wird. Der Credit Spread soll diese Risiken bis zu einem gewissen Grad kompensieren und kann unter dem Strich auch eine Krisenanleihe wieder zum lohnenden Geschäft machen. Denn je schlechter das Rating einer solchen Anleihe ist, umso höher ist der Credit Spread. Nicht vergessen sollten Anleger, dass auch bei einer exzellenten Einstufung der Ratingagenturen ein Ausfallrisiko besteht, wie die bekannten Fälle von Lehman Brothers, Enron und anderen zuvor bestens bewerteten Unternehmen belegen.

Bildquelle:

© beermedia.de – Fotolia.com; © ChaotiC_PhotographY – Fotolia.com; © pogonici – Fotolia.com; © pogonici – Fotolia.com; © Denis Junker – Fotolia.com;

 

Hier schreibt Thomas Gödert

Online-Redakteur Finanzen. Arbeitet seit 2012 bei BergMedia.net. Thomas Gödert ist auch auf Google+ und Twitter aktiv.
Kategorie: Depot, Festgeld, Tagesgeld

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.